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Räume der Geborgenheit

Wir bewohnen unseren Körper und dieser beansprucht seinerseits Raum. Am Beginn des Lebens ist das der schützende, wärmende Bauch der Mutter. Sobald wir davon losgelöst sind, stehen wir vor der Herausforderung, diese Welt Stück für Stück zu entdecken und uns in ihr zurechtzufinden. Zuerst ganz nah an der Mutter oder einer anderen Bezugsperson. Dann erweitern wir unseren Raum allmählich immer mehr, geleitet von unserer grundsätzlichen, menschlichen Neugier, angetrieben von Entdeckungsfreude und auch Mut. Denn wir entdecken dabei Orte, die uns behagen, sowie auch andere, die uns Furcht einflößen. In dieser großen, weiten Welt, voller Abenteuer, Chancen und Gefahren, finden wir Räume und Plätze, an denen wir uns besonders sicher und geborgen fühlen. In früheren Zeiten kann das ein wärmendes Feuer in einer schützenden Höhle gewesen sein, heutzutage haben wir unsere Feuerstellen und Höhlen längst der Zeit angepasst. Wo wir uns geborgen fühlen, ist individuell verschieden. Das kann der gemütliche Platz vor dem Kachelofen sein, ebenso wie der Lieblingssessel in der Wohnung oder ein besonderer Ort in der freien Natur. Für die Qualität des Erlebens dieser räumlichen Geborgenheit ist nicht eine äußere Bewertung ausschlaggebend, sondern was wir konkret damit verbinden. Ob andere meinen Lieblingssessel schön oder bequem finden ist irrelevant, solange ich mich darin wohlfühle und mich entspannen kann.


Der Spruch „My home is my castle“ kommt nicht von ungefähr. Das deutsche Wort Geborgenheit leitet sich ursprünglich vom Begriff Burg ab. Eine Burg bot Sicherheit. Sie war ein Ort des Rückzugs, der Verteidigung, aber auch der Interaktion mit anderen. In meiner eigenen Burg kann ich selbst entscheiden, wann ich die Zugbrücke hochziehe und wann und für wen ich sie herunterlasse. Ich entscheide, wen ich hineinlasse und wen nicht. Wird die Integrität dieses Raums durch einschneidende Ereignisse oder vielleicht sogar durch Eindringlinge verletzt, so verliert der Raum die Funktion der Geborgenheit für mich. Lebensumbrüche sind daher oft auch mit räumlichen Veränderungen verknüpft. Wir suchen unser gesamtes Leben lang unsere schützende Burg. So erklärt sich so mancher Ortswechsel in unserer Biografie. Möglicherweise wechseln wir dann nicht nur die Wohnung, sondern ziehen sogar in eine andere Stadt. Dort suchen wir uns eine neue Wohnung, die wir erst Schritt für Schritt adaptieren. Es dauert eine Weile, bis wir uns darin wieder zurechtfinden und wir unseren Raum erneut erweitern. Wir lernen die neuen Nachbar:innen kennen, erkunden die nähere Umgebung, finden unser neues Lieblingsrestaurant. Allmählich orientieren wir uns wieder in der neuen Umgebung, lernen neue Menschen kennen und knüpfen neue Beziehungen. Und wenn wir dann noch mutig genug sind, können wir die Zugbrücken wieder voller Vertrauen herunterlassen. Vielleicht ist dann sogar der tiefe Graben, der uns bisher beschützt hat, nicht mehr nötig.


© Thomas Kalkus-Promitzer 2022-08-22

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