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Bevor wir daran zerbrechen...

Die meisten Menschen, die ich kenne, leiden unter Stress. In den letzten Jahren der Krise hat sich dieser Eindruck noch verstärkt. Manche drohen sogar daran zu zerbrechen und sind damit der ursprünglichen Bedeutung des Wortes ganz dicht auf der Spur, ohne es wissen. Der Begriff „Stress“ wurde ursprünglich in der Physik geprägt. Er bezeichnet Anspannung, Zug, Druck und Beanspruchung. Beim Stresstest wird der Druck solange erhöht, bis das getestete Material zerbricht. Ist es nicht schauerlich, dass dieser Vorgang später auch auf die psychische Widerstandskraft des Menschen übertragen wurde?


Dabei ist der Mensch seit Anbeginn seiner Existenz Stress ausgesetzt. Wir haben gelernt, mit vielfältigen Formen von Stress umzugehen, um zu überleben. So weit, so gut, könnte man meinen. Wäre da nicht die immer rasantere Geschwindigkeit, mit der sich die moderne Welt dreht! Denn im Laufe der Jahrtausende haben sich zwar die Umwelt und damit die äußeren Ursachen von Stress geändert, unser Organismus hat sich aber kaum weiterentwickelt. Während der Mensch früher vorrangig physischen Stressoren, wie Naturgewalten oder wilden Tieren ausgesetzt war, belasten uns heute zusätzlich psychische Faktoren. Die menschliche Reaktion auf diese neuen Belastungen basiert auf den Verhaltensmustern unserer Ahnen: Flüchten, kämpfen, totstellen. Belastungen, die wieder vorübergehen, können wir gut integrieren. Dauern diese Belastungen aber an, und sind wir immer wieder mit neuen Bedrohungen konfrontiert, wird dieser Stress chronisch. Dann schadet er uns und macht uns auf mehreren Ebenen krank. Die physischen Folgen können Störungen des Immunsystems und des Stoffwechsels sein, ebenso wie Schlafstörungen, Bluthochdruck und Verspannungen. Auf der psychischen Ebene kann chronischer Stress zu Konzentrationsstörungen, Persönlichkeitsveränderungen und sogar zu Depressionen führen. Außerdem lässt uns andauernder Stress frühzeitig Altern.


Doch nicht jeder Mensch reagiert auf Stress gleich. Die Anlagen dafür entwickeln sich bereits im Mutterleib, wo wir den Stresshormoncocktail unserer Mutter assimilieren. Ist Mama in der Schwangerschaft im Dauerstress, so stellt sich unser Organismus ebenfalls auf diesen Stresslevel ein. Wir reagieren dann möglicherweise später in unserem Leben belasteter auf Reize unserer Umwelt als andere, deren Mütter die Schwangerschaft entspannter genießen konnten. Es wäre allerdings zu einfach, die Schuld für unsere Stressreaktion allein unseren Müttern in die Schuhe zu schieben. Für den Umgang mit Stress spielt auch unsere gedankliche Bewertung der Situation eine Rolle, ebenso wie eingefahrene Verhaltensmuster, erlernte Bewältigungsstrategien und die Verfügbarkeit hilfreicher Ressourcen. Wir sind dem Stress also nicht hilflos ausgeliefert, sondern können aktiv etwas dagegen tun, um nicht daran zu zerbrechen.


© Thomas Kalkus-Promitzer 2022-09-25

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