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Anna, eine meiner Klient:innen, saß bei mir und weinte. Gerade hatte sie eine Krise bewältigt, schon stand die nächste vor der Tür. „Hört das denn gar nicht mehr auf?“, fragte sie mit tränenerstickter Stimme. Sie hatte gerade die Scheidung hinter sich gebracht, in einem nervenaufreibenden Prozess das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter geregelt und nun befürchtete sie, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, weil sich ihre Firma zu einem massiven Stellenabbau genötigt sah. Anna äußerte die Angst, ihre letzten Kraftreserven einzubüßen, auch Existenzängste machten ihr zu schaffen. Allmählich wurde ihr alles zu viel. Das seelische Gleichgewicht schien aus dem Lot geraten zu sein. Durch die Sorgen und das ständige Grübeln entwickelte sie Schlafstörungen. Sie litt unter Konzentrationsschwierigkeiten und Magen-Darmbeschwerden. Anna sah sich einem großen Leidensdruck ausgesetzt und bat mich um Unterstützung. Dabei hatte sie noch keine Vorstellung davon, welche Art von Unterstützung sie sich konkret wünschen würde, Hauptsache, sie würde Erleichterung bringen. Im Moment hatte sie das Gefühl, im Chaos zu versinken. In solchen Situationen neigen viele Menschen zu Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch, manche tendieren auch zu Kurzschlusshandlungen. Zum Glück waren das für Anna keine Optionen.


Ich erklärte Anna, dass das Wort „Krise“ ursprünglich aus dem Griechischen stammt und Scheidung, Auswahl, Entscheidung bedeutet. In den heutigen Sprachgebrauch übertragen, können wir eine Krise demnach als einen labilen, akuten Zustand betrachten, der als bedrohlich oder überwältigend erlebt wird und durch entsprechende Entscheidungen wieder stabilisiert werden kann. Für diese Stabilisierung bot ich ihr meine Unterstützung an. Um einen ersten Überblick zu erhalten und wieder Ordnung ins Chaos zu bekommen, bat ich sie, auf einzelne Zettel alle aktuellen Themen aufzuschreiben, die eine Lösung erforderten. Diese Zettel legten wir übersichtlich auf einen großen Tisch und ordneten sie nach der objektiven Dringlichkeit. Danach identifizierten wir bei jedem Thema die großen und kleinen Herausforderungen und vergaben jeweils 1-3 Punkte für die subjektive Priorität. Je höher die Priorität, desto höher die Punktezahl. So verschaffte sich Anna mehr Klarheit über ihre Situation und fasste einen Plan. Nun konnte sie damit beginnen, erste, konkrete Lösungsansätze zu entwickeln. Ich riet ihr zu kleinen, machbaren Schritten, da zu große Schritte in solchen Situationen oft überfordern. Außerdem lassen sich kleine Schritte besser korrigieren, sollte es einmal einen Fehltritt geben oder der Weg zu steil sein.


Nach unserem Gespräch sah Anna wieder Licht am Ende des Tunnels und fühlte sich wieder handlungsfähig. Die Probleme waren zweifellos noch da, aber sie erschienen ihr nicht mehr unbezwingbar. Dankbar, entschlossen und zuversichtlich wischte sie sich die letzten Tränen aus dem Gesicht.


© Thomas Kalkus-Promitzer 2022-09-22

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